Das unsichtbare zweite Tschernobyl

Beim Stichwort Unfälle in kerntechnischen Anlagen (Kernkraftwerke, aber auch Wiederaufbereitungsanlagen oder Lagerstätten) denken sie meisten Menschen primär nur an Tschernobyl als Synonym für einen Super-GAU. Neben dieser Katastrophe (Ereignis der Stufe 7 auf der International Nuclear Event Scale) sind die bekanntesten Ereignisse sicherlich Three Mile Island (Harrisburg), USA, 1979 (Stufe 5), Sellafield, England, 2005 (Stufe 3), Forsmark, Schweden, 2006 (Stufe 2) und einige der Störfalle in deutschen Atomanlagen. Außerhalb der öffentliche Wahrnehmung liegen weitere ernste Unfälle Windscale, Großbritannien, 1957 (Stufe 5), aber auch der bisher schwerste Nuklearunfall der Geschichte in Kyschtym, Russland – damals UdSSR im Jahr 1957.

Der sog. Kyschtym-Unfall, bekannt nach der gleichnamigen Stadt im südlichen Ural, ereignete sich am 29. September 1957 im Nuklearzentrum Majak, 15 km östlich der Stadt Kyschtym. Nach Expertenschätzungen wurde dabei doppelt bis sechsmal soviel Radioaktivität in die Umwelt freigesetzt als beim Unglück von Tschernobyl. Da sich allerdings der radioaktive Niederschlag auf den Ural beschränkte, erfuhr die westliche Welt lange Jahre nichts von diesem Unfall. Die Sowjetunion informierte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) erst mit einer
Verspätung von 32 Jahre.

Nuklearzentrum Majak diente Sowjetzeit hauptsächlich der Herstellung von Plutonium für die Kernwaffenproduktion und besteht aus mehreren Reaktoren, einer Wiederaufarbeitungsanlage sowie einem Lager für radioaktive Abfälle. Schon vor dem Kyschtym-Unfall war Majak ein
Sinnbild einer verantwortungslosen Umgangs mit radioaktiven Stoffen. So wurde der Reaktorkern direkt mit Wasser aus dem Flusses Tetscha (Trinkwasserquelle für 120.000 Menschen) gekühlt und hochkontaminiert zurückgeleitet. Der benachbarte Karatschai-See ist aufgrund der Einleitung radioaktiver Abfälle laut dem Worldwatch Institute “am stärksten verschmutzte Ort” der Erde. Bereits ein fünf bis 15 minütiger Aufenthalt am Ufer des Sees führt zu einer letale Strahlendosis, nach wenigen Stunde Aufenthalt ist sicher tot. Zudem stellt das Wasser des Sees für benachbarte Gewässer eine große Gefahr da und könnte zu einer gigantischen Bedrohung für den arktischen Ozean werden.

Bei dem Kyschtym-Unfall explodierten einer zahlreichen Tanks, in denen bis zu 250 Kubikmeter (entspricht bei Wasser 250 Tonnen, in diesem Fall eher etwas mehr) hochradioaktiver Abfälle aus der Aufbereitungsbetrieb lagerten. Freigesetzt wurden verschiedenste radioaktive Nuklide, darunter auch langlebige Isotope wie Strontium-90 und Cäsium-137. Noch hunderte Kilometer von Majak entfernt konnte die Explosion als leuchtender Schein wahrgenommen werden. Die Zeitungen der damligen Sowjetunion erklärten das Phänomen mit Wetterleuchten oder dem Nordlicht. Die freigesetzte, radioaktive Wolke etwa 400 Kilometer in nordöstliche Richtung weiter und verseuchte dort breite Landstriche. Hätte der Wind in westliche Richtung geweht, wären die Menschen vielliecht 29 Jahre vor Tschernobyl auf die Gefahren eines verantwortungslosen Umgangs mit radioaktiven Stoffen aufmerksam gemacht worden …

# “Die vergessene Nuklear-Katastrophe von Kyshtym im Ural”, Artikel aus
der Welt
# Wikipedia Artikel über das Nuklearzentrum Majak
# Wikipedia Artikel über den Karatschai-See

1 Gedanke zu “Das unsichtbare zweite Tschernobyl”

  1. Nach Aschewolke nun radioaktive Wolke?. Die russische Regierung hat bestätigt, dass es auch in verseuchten Gebieten gebrannt hat. Jetzt müssen wir uns wohl auf radioaktiven Niederschlag einstellen. Na zumindest können wir uns dann die Kosten für Straßenbeleuchtung sparen, wenn alle strahlen.

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